Schon vor 1933 fielen dem rechtsradikalen und nationalsozialistischen Terror mehr als 50 Angehörige der Republikschutzorganisation Reichs- banner Schwarz-Rot-Gold zum Opfer. Sie sind heute in Vergessenheit geraten.

In Berlin wurde am 25. April 1925 der Reichsbanner-Mann Erich Schulz auf offener Straße erschossen. Seine Beerdigung am 2. Mai wurde
zur Demonstration für die Republik. Am Grab von Erich Schulz fanden bis 1933 Gedenkveranstaltungen für die von den Nationalsozialisten Ermordeten statt.

Diese Tradition wollen das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand wieder aufnehmen. Am Dienstag haben wir gemeinsam in ehrendem Gedenken einen Kranz niedergelegt.

Das Reichsbanner ist heute zwar keine Massenorganisation mehr, steht aber in der Tradition jenes Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dass sich schützend vor die Republik von Weimar stellte.

Ein „Reichsbanner“ in Verbindung mit den Farben „Schwarz-Rot-Gold“, den Farben, die schon seit den Befreiungskriegen 1813 und spätestens seit dem Hambacher Fest 1832 den heißen Wunsch nach einem einigen und demokratischen Deutschland ausdrückte, das war 1924 die Aufforderung, sich als große Vereinigung zum Schutz der erst knapp fünf Jahre alten Republik von Weimar zu etablieren.

Wir können uns heute kaum vorstellen, wie sehr reaktionären und antirepublikanischen Kräften die schwarz-rot-goldene Fahne verhasst war. Sie sammelten sich um das schwarz-weiß-rot des Kaiserreiches und hofften auf ein neues, autoritäres System. Schwarz-Weiß-Rot und Hakenkreuz sollten später jene Symbiose eingehen, die zum Ende der Republik von Weimar führte.

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war eine demokratische Massenbewegung. Es setzte sich für die demokratische Verfassung ein. Es wollte mit Verfassungsfeiern und republikanischen Versammlungen einen zivilen Verfassungspatriotismus etablieren. Es stellte sich dem dumpfen und antidemokratischen Nationalismus und dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegen. Das Reichsbanner wollte eine wehrhafte Demokratie und eine Demokratisierung der Gesellschaft.

Gewalt war in der Innenpolitik der Weimarer Republik allgegenwärtig. Der Gewalt des rechtskonservativen Stahlhelm und vor allem der Gewalt der nationalsozialistischen SA und SS wollte das Reichsbanner die schiere, erdrückende Zahl seiner Mitglieder setzen. Demokratische Versammlungen sollten durch so viele Reichsbanner-Angehörige geschützt werden, dass die Nazis gar nicht mehr versuchen sollten, gewalttätig zu stören.

Uns heute mutet der Symbolkampf von Weimar – demokratische Symbole gegen autoritäre Symbole antiquiert an. Für die Republikaner von 1924 jedoch war dies eine Herzenssache und oft auch eine Sache auf Leben und Tod. Der Reichsbannermann Erich Schulz, an dessen Grab wir nachher einen Kranz niederlegen werden, wurde von dem rechtsradikalen Wiking-Mann, der ihn erschoss, mit dem Ruf „Mostrich“ provoziert. „Mostrich“ – Senfgelb – das war die diffamierende Bezeichnung für die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik, auf die die Reichsbanner-Männer 1924 stolz waren und auf die wir, die wir in der Tradition dieses Reichsbanners stehen, noch heute stolz sind.

Und genau deshalb erinnern wir heute an jene Menschen, die sich zwischen 1924 und 1933 im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold die Diktatur der Nationalsozialisten verhindern wollten.


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