Zwei zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft sind besonders wichtig für soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt in unserem Land: Erstens, dass durch Anstrengung und Leistung soziale Mobilität möglich ist, und zweitens, dass durch Reallohnsteigerungen jeder seinen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand hat.

Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht, der nun vorgelegt und beraten wird, hat vor allem Ungleichheit im Fokus: Wer hat im Vergleich zur gesamten Gesellschaft ganz besonders viel oder ganz besonders wenig zur Verfügung?

1. Goldener Löffel statt Leistungsgerechtigkeit: Vermögen in Deutschland

Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht beleuchtet erstmals intensiv das Thema Reichtum. Es geht dabei aber nicht um eine moralische Bewertung, sondern um die Frage, wie Reichtum entsteht, wie er verwendet wird und inwiefern Reichtum gesellschaftlichen Einfluss schafft. Die Analyse zeigt: Die wirklich großen Vermögen in Deutschland werden weitgehend vererbt, Erwerbsarbeit spielt keine große Rolle. Hohe Vermögen werden also in der Regel leistungslos erworben. Je mehr Reichtum von Erbschaften und sozialer Herkunft abhängig ist, desto zwingender ist die Frage nach Möglichkeiten des Ausgleichs.

2. Armut weiter bekämpfen: Indikatoren für Armut

Der Armuts- und Reichtumsbericht hat ein umfassendes Set an Indikatoren, um Armut zu analysieren. Besonders relevant sind dabei Langzeiterwerbslosigkeit, Armutsrisikoquote sowie materielle Entbehrung.

Langzeiterwerbslosigkeit

Der Anteil der Langzeiterwerbslosen an der Erwerbsbevölkerung ist deutlich gesunken: von fast fünf Prozent im Jahr 2007 auf zwei Prozent im Jahr 2015. Langzeiterwerbslosigkeit geht oft mit Perspektivlosigkeit einher. Daher fördern wir Langzeiterwerbslose weiterhin mit verschiedenen Programmen.

Armutsrisikoquote

Die Armutsrisikoquote misst in erster Linie Einkommensungleichheit. Anfang der 2000er Jahre gab es einen deutlichen Anstieg. Seit 2005 ist der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben, ungefähr gleich geblieben. Trotz der aktuell guten wirtschaftlichen Lage und der hohen Beschäftigung zeigt sich kein Rückgang der Armutsrisikoquote, sondern ein leichter Anstieg am unteren Rand. Besonders betroffen sind nicht nur Arbeitslose, sondern auch Alleinerziehende, niedrig Qualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund.

Materielle Entbehrung

In Deutschland gehört materielle Entbehrung nicht zum Alltag: Der Anteil der Menschen ist in den letzten Jahren von ohnehin niedrigem Niveau weiter gesunken. Dennoch ist die über die Armutsrisikoquote gemessene relative Armut Ansporn dafür, Armut weiterhin gezielt zu bekämpfen.

3. Der Schlüssel zur Armutsbekämpfung: Politik für gute Arbeit

Der Schlüssel zur Armutsbekämpfung ist gute Arbeit. Deshalb sind der gesetzliche Mindestlohn, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gestärkte Tarifautonomie und die Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen wichtige Schritte auf dem Weg zur Armutsbekämpfung. Denn wer gute Arbeit hat und ordentlich verdient, braucht seltener staatliche Unterstützung. Besonders der Mindestlohn wirkt sich spürbar positiv aus. Es ist aber noch viel zu tun, um Armut gezielt zu bekämpfen und Reiche angemessen an der Finanzierung unserer Gesellschaft zu beteiligen.

4. Kampf gegen Kinderarmut

In Familien, in denen kein Elternteil erwerbstätig ist, liegt das Armutsrisiko bei rund 60 Prozent. Ist ein Elternteil in Vollzeit beschäftigt, liegt es nur noch bei rund 15 Prozent. Sind beide Elternteile erwerbstätig, sinkt das Armutsrisiko von Kindern sogar auf nur drei Prozent. Der Einsatz für gute Arbeit und faire Löhne bleibt daher der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen Kinderarmut.

5. Passgenaue Maßnahmen gegen zukünftige Altersarmut

Mit dem Gesamtkonzept Alterssicherung setzen wir uns für Verbesserungen für diejenigen ein, die im Alter besonders armutsgefährdet sind: durch Verbesserungen bei den Erwerbsminderungsrenten, eine Absicherung von Selbstständigen in der gesetzlichen Rentenversicherung und eine gesetzliche Solidarrente für diejenigen, die nach einem Leben voller Arbeit bisher keine auskömmliche Rente erreichen.

6. Transparente Debatte in der Gesellschaft

Die Diskussion darüber, was Armut und Ungleichheit für unser Land bedeuten, wird offen geführt. In einem Gutachtergremium beraten über 20 Wissenschaftler/-innen das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bei der Erstellung des Berichtes. Auch die Zivilgesellschaft, Kirchen, Wohlfahrtorganisationen, Sozialpartner und andere Nichtregie- rungsorganisationen wirken über den sogenannten Beraterkreis am Bericht mit. Erstmalig fand darüber hinaus ein gemeinsamer Workshop von Menschen mit Armutserfahrungen und Vertretern des Ministeriums statt. Auf www.armuts-und-reichtumsbericht.de werden die 30 Indikatoren des Berichtes detailliert dargestellt und regelmäßig aktualisiert, um die Debatte über Armut und Reichtum transparent auf eine empirische Grundlage zu stellen.

7. Ungleichheit verschenkt Wachstumspotenziale

Eine gesellschaftliche Debatte über die vorhandene materielle und gesellschaftliche Ungleich- heit und deren Ursachen ist wichtig. Denn zu viel Ungleichheit wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus und zerfrisst den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das zeigen aktuelle Studien von OEDC und IWF. Zum einen schwächt höhere Ungleichheit die Binnen- nachfrage: Menschen mit niedrigeren Einkommen konsumieren mehr als zu sparen. Wenn sie weniger Geld zur Verfügung haben, können sie auch weniger ausgeben. Zum anderen sorgt höhere Ungleichheit für schlechtere Bildung: Ärmere Menschen können weniger in ihre Ausbildung investieren. So entstehen bei hoher Ungleichheit Nachteile für die gesamte Gesellschaft, der verstärkt qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Ungleichheit gefährdet damit langfristig das erfolgreiche deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell.


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