Eine Replik von Johannes Kahrs MdB, diese Woche zu lesen in der ZEIT:Hamburg

VON JOHANNES KAHRS

Ein „drastischer Fehler“ sei das geplante Deutsche Hafenmuseum, schrieb Maximilian Probst vor zwei Wochen in dieser Zeitung. Hamburg habe schon genug maritime Ausstellungsorte, man solle doch lieber die Bestände ordnen, das Internationale Maritimen Museum entrümpeln und in dessen Speicher die große Geschichte der Globalisierung am Beispiel Hamburgs erzählen. Das sei mit wenig Geld zu machen und würde den neuen Kultursenator von der Mühsal entbinden, einen Ort für das Deutsche Hafenmuseum zu suchen.

Dass sich Maximilian Probst um die Arbeitsbelastung von Herrn Brosda sorgt, ist ehrenwert. Vor allem ist es schön, dass in der Stadtgesellschaft diskutiert wird, was Hamburg mit seinem maritimen Erbe anfangen soll. Da sieht man gern darüber hinweg, dass ein entscheidender Aspekt zu wenig Beachtung gefunden hat. Denn anders als in den meisten Fällen von Bundesfinanzierungen, muss Hamburg zu den 120 Millionen, die der Bund für das neue Museum gibt, nichts weiter dazu schießen. Lediglich die Betriebs- und Personalausgabe wird die Stadt tragen. Nur darum habe ich in einer Zeit, in der Hamburg schon die Elbphilharmonie stemmen musste, als bundespolitischer Sprecher im Haushaltsausschuss für das Museum gekämpft.

Auch ein Ort muss nicht gesucht werden. Es gibt ihn nämlich schon. Man muss ihn nur entwickeln. Es ist der 50er Schuppen auf der anderen Elbseite, laut Maximilian Probst ein wirklich stimmungsvoller Ort, nur leider „im Winter geschlossen“. Tatsächlich ist das Gelände geradezu ein Geschenk für Hamburg, weil dort noch viele Teile des alten Industriehafens überlebt haben. Die historischen Schuppen, Gleisanlagen, Kräne, dazu der Stückgutfrachter MS Bleichen: ein solches Ensemble gibt es in ganz Europa nicht noch einmal.

Maximilian Probst beklagt zurecht, dass die Hamburger Museen die Globalisierung und die mit ihr einhergehenden Waren- und Migrationsströme bislang zu fragmentarisch abbilden. Das lässt sich aber nirgends besser beheben als auf dem Gelände des 50er Schuppens. Ein anderer Ort ist für das Deutsche Hafenmuseum auch gar nicht vorstellbar. Hamburg war der erste Industriehafen weltweit, an ihm haben sich alle anderen Häfen orientiert. In den Überresten dieses Industriehafens kann nun ein Museum entstehen, das wieder weltweit Maßstäbe setzen sollte, ein Museum, das seinen Gegenstand, den Hafen, nicht nur erklärt, sondern erfahrbar macht.

Familien könnten dort halbe Tage verbringen: Während die Kinder ein Kranführerschein machen oder Kaffee rösten, würden sich die Erwachsenen über den Kolonialismus informieren und verstehen, wie der Kaffeehandel nicht nur Hamburg verändert hat, sondern ebenso die Länder, aus denen der Kaffee kommt. Das Deutsche Hafenmuseum sollte beides zugleich sein: Erlebnispark wie ein musealer Wissensbetrieb, der sich mit den Fragen beschäftigt, woher wir kommen, wo wir mit dem Hafen gegenwärtig stehen und wohin die Reise geht.

Dazu muss man nicht die maritimen Schätze des Museums für Hamburgischer Geschichte oder des Altonaer Museums plündern. Es gibt noch riesige Depot-Bestände, die das Deutsche Hafenmuseum übernehmen kann. Und als Teil der Stiftung historischer Museen Hamburgs würde die Zusammenarbeit der Museen untereinander noch besser verzahnt. Neben dem Präsenzbestand wird das Deutsche Museum in Kooperation mit den anderen Hamburger Häusern spektakuläre Sonderausstellungen zeigen können, schließlich soll das Gelände nicht nur Touristen anlocken, sondern auch Hamburgern einen Grund geben, mehr als nur einmal zu kommen.

Ein Hafen- und Globalisierungsmuseum mitten im Hafen: Das ist auch darum so wichtig für Hamburg, weil die Generation gerade wegstirbt, in der noch in jeder Familie irgendein Angehöriger im Hafen gearbeitet hat. Es stellt die Frage nach hanseatischer Identität, während andere traditionsreiche Orte wie die Mönckebergstraße durch Pimkie, Zara und H&M immer austauschbarer werden – durchaus eine Folge der Globalisierung.

Bislang befriedigt der Hamburger diese Sehnsucht nach Identität, indem er mit stolz geschwellter Brust die U3 zwischen den Landungsbrücken und Baumwall entlang fährt. Von dort blickt er auf ein Schiff, das auf einer Bremer Werft für einen Bremer Kaufmann gebaut wurde und grün-weiß angemalt ist: die Rickmer Rickmers. Kann man natürlich machen (sage ich mal als gebürtiger Bremer)! Trotzdem scheint mir Hamburg mit dem Viermaster Peking besser zu fahren, der mit Teilen der Bundesmittel für das Deutsche Hafenmuseum gekauft wurde. Das Schiff gehörte zur Flotte der Hamburger Reederei F. Laeisz und stammt von der Werft Blom &Voss. Gebaut in der Zeit um 1900 wird es sich perfekt in die Szenerie des alten Industriehafens auf dem Kleinen Grasbrook einpassen und als Publikumsmagnet wirken.

Nur ein Problem scheint der Standort zu bieten: Er ist bislang schwer zu erreichen, allenfalls mit dem Auto kommt man bequem hin. Umso größer ist die Chance, die sich mit dem Deutschen Hafenmuseum für die Stadtentwicklung bietet: Man könnte die Schiffslinie 62 über die Landungsbrücken hinaus führen, und mit der Zwischenstation Elbphilharmonie den 50er Schuppen ansteuern. Damit läge das Museum nur einen Katzensprung von der Innenstadt entfernt.

Ein halbes Dutzend Gastronomien könnten locker auf dem Museumsgelände an der Wasserkante unterkommen, sogar ein Hotel. Parkplätze sind in ausreichendem Maß vorhanden. Wenn dann die Schiffsverbindung genügend ausgelastet ist, ließe sie sich weiterziehen, um das Auswanderermuseum auf der Veddel einzubinden, ja, die Fahrt könnte über Wilhelmsburg bis in den Harburger Hafen weitergehen. Damit würde das Deutsche Hafenmuseum einen Prozess antreiben, der ohnehin schon im Gang ist: Die Verlagerung des Hafens Richtung Westen, der zur Entwicklung des Kleinen Grasbrook und der Öffnung Wilhelmsburg zu den neu entstehenden Hafenbrachen führen wird. Das Deutsche Hafenmuseum soll das Herzstück dieses Zusammenwachsens sein.

Zugegeben, das klingt, als verspräche ich hier das Blaue vom Himmel. Dabei wird vieles nur mühsam, auf lange Sicht und gegen viele Widerstände durchsetzbar sein. Aber was wäre die Alternative? Eine Neuordnung in den bestehenden Strukturen, wie es Maximilian Probst vorschlägt, wenn er das Tamm-Museum zum Globalisierungsmuseum umbauen will? Am Ende seines Artikels erinnert er an eine Lehre, die uns die Globalisierung bereits erteilt habe: Man müsse gelegentlich das Ruder herumreißen. Für mich gibt es eine andere Lehre. Sie heißt: Auf zu neuen Ufern!


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